Was ist Mitgefühl?

Mitgefühl ist das öffnende, willkommen heißende, nicht wertende, Raum gebende Gewahrsein des Herzens. Wenn wir diese Qualität des Seins entdecken und uns für sie öffnen, dann leben wir Mitgefühl.
Robert Gonzales
Ich werde in Seminaren oft gefragt: Was ist denn genau Mitgefühl? Was ist der Unterschied zu Mitleid? Bin ich empathisch, wenn ich beim Zuhören mitdenke und dann Bedürfnisworte vorschlage?
Beim Lesen des Buches „Ein Leben in Mitgefühl“ bin ich vor einer Weile über die zwei Sätze von Robert Gonzales gestoßen. Und mich hat diese Art von Definition sehr berührt:
Das öffnende, willkommen heißende, nicht wertende, Raum gebende Gewahrsein des Herzens.
Genau das erlebe ich, wenn ich etwas erzähle und jemand mit vollem Mitgefühl dabei ist:
Dass sich etwas öffnen kann und in mir etwas weit wird – ich neue Seiten, Blickwinkel, Gefühle und Bedürfnisse entdecke.
Dass ich willkommen und angenommen bin, mit dem, was gerade in mir präsent ist, was mich umtreibt, was mich beschäftigt, was ich spüre.
Und das Raum da ist.
Ich habe über einen langen Zeitraum jede Woche ein Empathie-Telefonat geführt. Manchmal sind wir in das Gespräch gestartet und hatten Sorge, dass die Zeit nicht reicht. Ich werde nie vergessen, wie wir das erste Mal nach einem dieser Telefonate beide gesagt haben: „Danke, dass ich heute so viel Raum bekommen habe. Nächstes Mal bist Du dann dran, da ich heute viel Zeit bekommen habe als Du.“ Wie verrückt: Wenn beide den Eindruck haben, mehr Raum bekommen zu haben als das Gegenüber, scheint es ja mehr Raum zu geben, als man denkt.
Für mich ist das die Magie des Mitgefühls: Raum gebend für alles, was da ist, Raum gebend für das, was es jetzt gerade braucht.
Und was hat das mit dem „nicht wertend“ auf sich? Ich stolpere häufig über das Thema „Bewertungen“ in der GFK. Ich höre: In der GFK bewerten wir nicht. Nur finde ich: Ohne Bewertungen funktioniert unser Leben nicht. Wenn ich nicht bewerte, ob das anfahrende Auto langsam genug ist, sodass es für mich noch über die Kreuzung reicht, sondern ich nur beobachte, stehe ich sehr lange an dieser Kreuzung. Das Wichtigste an dieser Stelle ist mir: Ich brauche das Bewusstsein darüber, dass es (m)eine Bewertung ist. – Und gleichzeitig sehe ich es wie Robert Gonzales: An dieser Stelle braucht es diesen nicht wertenden Raum. Mitgefühl bedeutet für mich einen Raum zu kreieren, indem wir die Gefühle und Bedürfnisse, den Menschen, der uns gegenübersitzt, mit seinem Sein nicht bewerten.
Und dann nennt Gonzales noch das „Gewahrsein des Herzens“: Präsent und im gegenwärtigen Moment sein. Und nicht nur mit dem Kopf mitdenken, sondern mit dem ganzen Herzen dabei sein, mitschwingen, eben gewahr sein.
Was eine gelungene und tiefgehende Definition und welch großes Geschenk, wenn wir diese Form erleben dürfen – auf beiden „Seiten“.
Wann hast Du das letzte Mal diese Qualität des Seins entdeckt, gespürt, Dich für sie geöffnet oder erlebt, dass jemand Dir mit diesem Gewahrsein begegnet ist?

