Zuhören
Wie oft hören wir zu und überlegen währenddessen schon, was wir als nächstes antworten? Gerade in (hitzigen) Diskussionen ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich während des Zuhörens überlege, mit welchem nächsten Argument ich gleich um die Ecke kommen und mein Gegenüber überzeugen kann.
Ist das Zuhören? Schauen wir uns das mal genauer an:
Zuhören ist erstmal einfach Präsenz. Und Präsenz bedeutet: Ich bin im Hier und Jetzt präsent.
Wenn ich mit meinen Gedanken schon in einer Formulierung bin, die ich vielleicht in einer Minute äußern möchte, bin ich in der Zukunft und nicht im Hier und Jetzt.
Manchmal wenn ich zuhöre, fällt es mir auch schwer, auszuhalten, dass mein Gegenüber gerade unangenehme Gefühle hat, vielleicht Ärger oder Trauer. Da taucht dann so ein Impuls auf, „helfen“ oder irgendetwas zu tun oder sagen zu wollen, was die Stimmung meines Gegenübers wieder hebt. Erstens zeigt mir das ebenfalls: Ich bin gerade viel mehr bei mir als bei meinem Gegenüber. Und zweitens führt das oft dazu, dass wir mit Tipps um uns werfen, die Ausgangssituation vielleicht herunterspielen, um zu signalisieren: Darüber brauchst du dich doch gar nicht zu ärgern.

Eines meiner Buch-Entdeckungen im vergangenen Jahr ist „Die fünf Einladungen“ von Frank Ostaseski. In dem Buch schreibt Ostaseski „Zuzuhören, ohne zu urteilen, ist vermutlich die einfachste, tiefste Art sich zu verbinden.“
Wie oft hören wir zu und urteilen direkt über das, was unser Gegenüber uns erzählt? Wir bewerten sofort: Ist es Unsinn oder nehmen wir es ernst? Sehen wir es anders oder finden wir es gut, was unser Gegenüber sagt?
Ich möchte damit nicht sagen, dass wir nie bewerten oder urteilen dürfen – der Automatismus ist meiner Meinung nach ein Problem. Und wie oft haben wir schon festgestellt, dass wir „in unseren eigenen Film eingestiegen sind“ und etwas ganz anderes gehört haben, als unser Gegenüber gesagt hat?
Und dann sagt Ostaseski weiter: Es ist die einfachste und tiefste Art sich zu verbinden. Also: Es braucht eigentlich nicht viel, um in eine tiefe Verbindung zu kommen. Zuhören ohne zu urteilen ist der erste und einfachste Schritt für eine Tiefe Art der Verbindung.
Wie oft wünschen wir uns Verbindung? Wie sehr fehlt sie – vor allem im politischen und gesellschaftlichen Diskurs?
Schauen wir uns z.B. Talkshows an: Wer hört hier wem eigentlich wirklich zu? Und was würde sich möglicherweise verändern, wenn die Beteiligten einander zuhören würden? Im Sinne der Feststellung: Wir haben zwei Ohren und einen Mund, damit wir doppelt so viel zuhören, wie wir sprechen.
Und das heißt für mich nicht: Wir lassen alles stehen, was unser Gegenüber sagt. Natürlich geht es auch immer wieder darum, Dinge richtig zu stellen, dem ein oder anderen Gesagten zu widersprechen. Nur: Wenn wir in einem Gespräch sind, lohnt es sich, einfach erstmal zuzuhören und zu verstehen, was oft versteckt hinter dem Gesagten an Gefühlen, Sehnsüchten und Bedürfnissen steckt.

Und mir geht es auch nicht nur darum, anderen Menschen urteilsfrei zuzuhören, sondern auch uns selbst:
Stell Dir vor, Du wachst bedrückt auf. So richtig erklären, was Deine Stimmung heute drückt, kannst Du nicht. Wie schnell springen dann Gedanken an wie: „Also du hast überhaupt keinen Grund heute so traurig zu sein“ oder „jetzt reiß dich mal zusammen – es ist doch alles in Ordnung“ oder „was bin ich heute so schlecht gelaunt?“ (oder wie wir in Schwaben sagen: „oleidig“😊).
Vielleicht kennst Du nicht genau diese Situation oder Sätze, aber ähnliche. Auch hier: Wir hören uns zu und – zack – geht das (Ab-) Bewerten und Urteilen los. Statt es einfach erstmal da sein zu lassen, zuzuhören, hinzuspüren.
Und genauso im Kontakt mit anderen: Wenn mir jemand etwas erzählt: Erstmal zuhören, da sein lassen, auf mich wirken lassen, bevor ich reagiere. Um diese wundervolle Zusammenfassung von Frank Ostaseski zu spüren: Diese einfache und tiefe Art, mit sich selbst oder mit anderen in Verbindung zu sein.
Vielleicht hast Du auch Lust, Dich bei den nächsten Begegnungen mit Dir oder mit anderen zu beobachten? Mal zu schauen: Wie schnell springt der „Bewertungs- und Urteilsmodus“ an? Und dann auch achtsam zu sein, welche Bewertungsspirale beginnt möglicherweise? Verurteilst Du Dich dann, weil Du „schon wieder“ jemanden bewertet hast, obwohl Du es doch eigentlich anders machen wolltest?
Für mich ist der erste und wichtigste Schritt: Sich seiner Automatismen und Stimmen, die anspringen, bewusstwerden und annehmen. Und wegkommen von: Es richtig machen wollen – im Sinne von Marshall Rosenberg: „Das Ziel dieses Lebens ist nicht, perfekt zu sein, sondern immer ein wenig weniger dumm.“ 😊
